Kinderrechte in Gefahr

Minderjährige im Libanon zunehmend Missbrauch ausgesetzt
Unser Team im nördlichen Grenzgebiet des Libanon schlägt Alarm, was den Schutz Minderjähriger in dieser Kriegszeit betrifft. Wir beobachten eine starke Zunahme verschiedener Formen von Missbrauch, im privaten wie im öffentlichen Raum. Unsere größte Sorge: die völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal syrischer Flüchtlingskinder, die in den gegenwärtigen Feindseligkeiten allzu oft als „entbehrlich“ zu gelten scheinen. Die libanesischen Behörden sind häufig selbst an dem Missbrauch beteiligt.
Die erschütterndsten Fälle betrafen zwei unserer ehemaligen Schüler im Gouvernement Akkar, der eine zwölf, der andere vierzehn Jahre alt, die von ihren libanesischen Nachbarn zu Unrecht beschuldigt wurden, Straftaten begangen zu haben. Beide waren Syrer mit gültiger Aufenthaltsgenehmigung. Beide wurden unter schrecklichen Bedingungen mehrere Monate lang im Gefängnis festgehalten, ohne regelmäßiges Essen und ohne Besuche. Beide wurden von den Richtern von jedem Vorwurf freigesprochen. Dennoch durften sie das Gefängnis erst nach Zahlung einer Kaution verlassen. Bitte klicken Sie unten, um unsere Pressemitteilung und weitere Einzelheiten zu diesen Fällen zu finden!
Nicht nur syrische Flüchtlingskinder werden in diesen Zeiten von Krieg und Vertreibung Opfer von Missbrauch und Vernachlässigung. Auch Libanesen haben immer weniger Zugang zu Bildung und werden immer stärker in Kinderarbeit oder Kinderehen gedrängt. In den folgenden Abschnitten dokumentieren wir einige alarmierende Fälle. Im Vorfeld des 20. November, des Weltkindertags, versuchen wir, ein Bündnis aus Menschenrechtsorganisationen und gleichgesinnten NGOs aufzubauen, um auf die Lage aufmerksam zu machen und uns für einen besseren Schutz einzusetzen.

Jugendhaft ohne ordentliches Verfahren
Der Fall Yacoub, 14 Jahre alt: ein unschuldiges Kind, das mehr als sechs Monate lang in verschiedenen Gefängnissen festgehalten wurde. Ein libanesischer Nachbar beschuldigte ihn, sein Motorrad gestohlen zu haben, schlug ihn und lieferte ihn bei der Allgemeinen Sicherheit ab. Die Allgemeine Sicherheit überstellte ihn in die Polizeihaftanstalt in Aarida, von wo er weiter nach Machta Hassan, dann nach Batroun und schließlich in das Gefängnis Roumieh verlegt wurde. Ein Richter sprach ihn zuerst am 5. Juni 2024 und dann erneut am 16. Oktober 2024 frei. Dennoch ist er bis heute nicht freigekommen. Das Gefängnis Roumieh berief sich auf fehlende Unterlagen, die von den ersten Haftanstalten verloren worden waren. Schließlich wurde eine von der Polizei geschickte Kopie anerkannt. Doch dann wurde er zurück in das Gefängnis der Allgemeinen Sicherheit in Beirut verlegt, wo weiterer Papierkram auf ihn wartet, bevor er freigelassen werden kann. Seine Mutter vermisst ihn seit Mai.
Omar, 15 Jahre alt, brach die Schule ab und lief von seiner Familie weg. Nach einigen Tagen versöhnte sich der Junge mit seiner Familie, schlief aber weiterhin in der Garage, die ihm ein libanesischer Mann angeboten hatte. Grund dafür war das Versprechen des libanesischen Mannes, ihm zu helfen, Arbeit zu finden und Geld zu verdienen – eine Form von Ausbeutung. Eines Tages nahm der Nachbar den Jungen mit, damit er ihm half, in einer noch im Bau befindlichen Wohnung Türen einzubauen. Die Polizei kam und nahm beide fest, weil in der Nähe ein Diebstahl gemeldet worden war. Der libanesische Mann überredete den Jungen, die Schuld allein auf sich zu nehmen, und versprach, ihm bei den nötigen Schritten für seine Freilassung zu helfen. Der Mann kam dank „Beziehungen“ frei, während der Junge ohne rechtlichen Beistand in Batroun in Haft blieb. Die dem Jungen zugewiesene Anwältin vernachlässigte den Fall, da sie eine Liebesbeziehung mit jemandem in Saudi-Arabien hatte; sie ging zu ihm und ließ den Fall ohne jede Weiterverfolgung liegen. Omar sitzt nun seit mehr als 10 Monaten ohne ordentliches Verfahren im Gefängnis.
Mehrere weitere Fälle sind uns zur Kenntnis gebracht worden. Mit der sich verschärfenden Wirtschaftskrise und dem israelischen Krieg gegen den Libanon haben syrische Geflüchtete einen Großteil des rechtlichen Schutzes verloren, den sie hatten. Die Entscheidung über ihre Rückkehr nach Syrien liegt nicht bei uns, doch wir verurteilen entschieden diesen Missbrauch von Kindern im Rechtssystem, der in jedem Fall gegen libanesisches Recht und gegen die UN-Kinderrechtskonvention verstößt, die der Libanon unterzeichnet und ratifiziert hat.
Bitte laden Sie die am 23. September 2024 veröffentlichte Pressemitteilung zum Fall Yacoub herunter:
Bitte lesen Sie den Artikel von Valeria Rando, veröffentlicht von NOW Lebanon am 24. September 2024:
NACHTRAG 20. November 2024: Yacoub ist nach mehr als sechs Monaten endlich nach Hause zurückgekehrt. Hier unsere Pressemitteilung:

Kinderarbeit in Akkar wird endemisch
Kinderarbeit ist nicht nur im Gouvernement Akkar ein Problem. Seit Beginn der Wirtschaftskrise 2019 und dem neuen Krieg gegen den Libanon in diesem Jahr ist das Problem jedoch allgegenwärtig geworden. Keine Baustelle ohne Minderjährige, keine Ernte und kaum ein Laden, in dem nicht mehrere Kinder als Laufburschen arbeiten. Auch wenn es schlimmere Formen von Missbrauch gibt, sind die Geschichten einiger der Kinder, für die wir da sind, herzzerreißend. Wir fordern, die Sozialhilfe auf Kinder und auf bedürftige Familien auszuweiten, in denen kein Erwachsener arbeiten kann.
Hanan (14 Jahre), Mohammad (12 Jahre) und Yahya (9 Jahre) leben derzeit in einem Zelt. Ihr Vater, der sich an Bein und Rücken verletzt hat, kann nicht arbeiten. Deshalb müssen die Kinder das Einkommen der Familie verdienen. Wegen ihres jungen Alters finden sie jedoch keine menschenwürdige Arbeit. Stattdessen verkaufen sie Süßigkeiten auf der Straße. Ihre Mutter hat sie zwar für dieses Jahr in unserem Bildungsprogramm angemeldet, doch es scheint wahrscheinlicher, dass sie die Kinder eher zur Arbeit als zur Schule schicken wird. Wir treffen sie regelmäßig, selbst spät in der Nacht, vor dem Supermarkt in Halba an der Hauptstraße von Akkar, wo viele Unbekannte vorbeikommen.
Ahmad* (*Name geändert), ein 15-jähriger syrischer Junge, lebt mit seiner Mutter und drei Geschwistern und musste die Familie allein versorgen, nachdem sein Vater wieder geheiratet und sie verlassen hatte. Sein Tag beginnt mit einer achtstündigen Schicht bei der Olivenernte von 6 bis 14 Uhr. Nach einer kurzen Pause beginnt er eine zermürbende zwölfstündige Nachtschicht in einem Café an der Schnellstraße. Dieser unerbittliche Tagesablauf schadet seiner Gesundheit, doch er zuckt mit den Schultern: „So ist das Leben; wir danken Gott für alles.“ Ahmad* kam früher zu unserer Hausaufgabenhilfe, heute sehen wir ihn nur noch kurz, wenn er zwischen seinen Arbeitsstellen hin und her eilt. Er bleibt guten Mutes, doch die 260 $, die er in der Erntezeit im Monat verdient, reichen kaum für die Miete und die Grundbedürfnisse seiner Familie.

Der Zugang zu Bildung wird zum Luxus
Mina* (*Name geändert), 11 Jahre alt, aus einer libanesischen Mittelschichtfamilie, lebte früher in Nabatiyeh. Nach Beginn der israelischen Bombardierungen und der Bodenoffensive im Süden floh ihre Familie nach Norden und lebt nun in einer vorübergehenden Unterkunft in Akkar. Nur wenige Tage nach ihrer Abreise schlug in der Nähe ihres Hauses eine Rakete ein und zerstörte ihr Kinderzimmer und das Wohnzimmer. Mina besuchte zuvor eine öffentliche Schule mit englischsprachigem Lehrplan, doch im Gouvernement Akkar wird an öffentlichen Schulen nur nach dem französischsprachigen Lehrplan unterrichtet. Ihre Familie wartet nun darauf, sie an einer Privatschule mit Online-Unterricht anzumelden, trotz der finanziellen Belastung und der mangelhaften Qualität des Fernunterrichts.
Assel (9), Nada (8) und Mohammed (6) gehören zu den besten Schülern im Zentrum von R&R in Kousha, wo sie seit einem Jahr regelmäßig die Hausaufgabenhilfe besuchen. Während sie auf die Öffnung der Anmeldungen für die zweite Schicht an den öffentlichen Schulen warten, nehmen die Geschwister nun am informellen Unterricht teil, den das Zentrum derzeit anbietet. Ihre Mutter weiß unsere Lehrkräfte zu schätzen und erkennt an, dass diese Übergangshilfe ihren Kindern ermöglicht, am Ball zu bleiben und stetig Fortschritte zu machen. Ihr Fall spiegelt die Lage Tausender syrischer Kinder wider, die vorerst am Rand des regulären Bildungssystems bleiben.
Die libanesische Regierung und die internationalen Geber müssen jetzt handeln, um eine weitere Bildungskatastrophe zu verhindern! Alle Kinder haben das Recht auf Grundschul- und auch auf weiterführende Bildung, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit. Das Team von R&R vor Ort arbeitet Tag und Nacht, um denen Nothilfe und Unterricht zu bieten, die keine Schule besuchen können, doch der Staat und die internationale Gemeinschaft müssen ihren Teil dazu beitragen, dass Schulen offen und sicher bleiben. Angriffe auf Schulgebäude, die für den Unterricht oder als Unterkunft für Vertriebene genutzt werden, sind ein Kriegsverbrechen.
Aufruf zum Handeln
Bitte helfen Sie uns, die Botschaft zu verbreiten und ein Bündnis zivilgesellschaftlicher Organisationen aufzubauen, um diese Verletzungen grundlegender Kinderrechte anzuprangern!
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